Heimliche Liebe

Mutter war streng, korrekt, diszipliniert und fleißig. Ihre Schwester, meine Tante Roma, war das genaue Gegenteil von ihr. Sie galt als leichtfertig, unordentlich und faul – einfach unanständig. Natürlich war uns Kindern klar, dass sie uns keineswegs als Vorbild dienen durfte.

Tante Roma lebte in „wilder Ehe“ mit ihrem Geliebten. Gerne ließ sie andere Leute für sich arbeiten und hatte offensichtlich ein gutes Leben. Sie war äußerst großzügig, genussfreudig und fast immer guter Laune. Wenn wir bei ihr zu Besuch waren, überraschte sie uns mit seltenen Köstlichkeiten, die es bei uns zu Hause niemals gab. Und Tante Roma freute sich, wenn es uns schmeckte.

Für meine strenge Mutter waren dies alles Zeichen einer Vergnügungssucht. Sie besuchte ihre Schwester nur selten. Ich jedoch, als Jüngste der Familie, war am häufigsten bei Tante Roma. Ich war ihr Liebling. Sie verwöhnte mich und freute sich immer, wenn ich zu ihr kam. Ich genoss ihre Herzenswärme und Großzügigkeit. Den Anderen gegenüber bekrittelte ich die Unordnung und mangelnde Sauberkeit bei ihr. So bemerkte niemand, dass ich Tante Roma liebte und von ihr lernte, Lebensfreude zu entwickeln, zu lachen und das Leben zu genießen.


Entstanden in der Offene Schreib- und Bilderwerkstatt des LaborARToriums / Text: Brigitte Fritz; Foto-Collage: Bilder aus der persönlichen Sammlung Brigitte Fritz, Konzeption und Gestaltung: Rachel Kress. © 2019


Schirmherr für das Projekt:

Bürgermeister der Stadt Schwerte Dimitrios Axourgos


Gefördert durch:



Logo des Ministeriums fuer Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen


Logo der Diakonie Schwerte gGmbH


Logo des Kreis Unnas


Logo der Sparkasse Schwerte


logo-des-schwerter-kultur-und-weiter-bildungs-betrieb