Eine Art Narrenfreiheit

Das LaborARTorium interviewt Brigitte Fritz zu ihrem Leben in Schwerte

LaborARTorium: Sie sagten, dass Sie vor 15 Jahren krankheitsbedingt in den Ruhestand gingen. Was gefiel Ihnen an Schwerte so gut, dass Sie diese Stadt zu Ihrer Wahlheimat in der dritten Lebensphase machten?

Brigitte Fritz: In Schwerte habe ich fast alles, was mir im Alter wichtig ist: Eine gute Infrastruktur, nahegelegene, schöne Landschaften und gut erreichbare Großstädte mit einem großen kulturellen Angebot. Mehr kann ich mir gar nicht wünschen!

LaborARTorium: Sie sind also der Ansicht, dass Schwerte der optimale Wohnort für Senioren ist?

Brigitte Fritz: Na ja, optimal ist vielleicht etwas übertrieben. Aber vieles stimmt bereits und für den Rest setze ich mich aktiv ein. Ich meine, dass auch wir Senioren selbst für notwendige Verbesserungen aktiv werden sollten.

LaborARTorium: Was sollte denn Ihrer Meinung nach in Schwerte noch verbessert werden, um den Bewohnern ein gutes Leben zu ermöglichen?

Brigitte Fritz: Es gibt aus meiner Sicht schon einige verbesserungswürdige Bereiche: mangelnde oder schlechte Gehwege und das Fehlen ausreichend hoher Sitzbänke in der gesamten Stadt. Außerdem gibt es kaum öffentliche Toiletten, die natürlich nicht nur von älteren Menschen benötigt werden. Es fehlen darüber hinaus geeignete Räumlichkeiten für Treffen der Menschen untereinander, auch dies gilt für alle Altersgruppen. Es gibt in unserer Stadt viele bürgerschaftlich Engagierte, die bereit sind, Projekte durchzuführen, für deren Umsetzung aber mehr geeignete Räume vorhanden sein müssten.

LaborARTorium: Haben Sie vielleicht schon ein konkretes Projekt vor Augen?

Brigitte Fritz: Die Schaffung eines „Begegnungsparks für Jung und Alt“ wäre erstrebenswert. Der Spielplatz an der Ruhrstraße wäre hierfür gut geeignet. Er müsste allerdings etwas umgestaltet und regelmäßig gepflegt werden. Um einige höhere Sitzbänke, ein paar Trainingsgeräte und eventuell einen kleinen Barfußpfad ergänzt, wäre der Platz sicherlich einladend für alle Generationen.

LaborARTorium: Fühlen Sie sich hier in Schwerte mittlerweile verwurzelt?

Brigitte Fritz: Unsere Vorfahren waren Donauschwaben, die 220 Jahre lang aus purer Not in einer neuen Heimat im Nordwesten Rumäniens leben mussten. Im Herbst 1944 sahen sich meine Eltern kriegsbedingt gezwungen, mit ihren vier Kindern nach Deutschland zu flüchten, also in die ursprüngliche Heimat unserer Vorfahren. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges waren Flüchtlinge hier allerdings nicht sehr willkommen. Wir hatten oft das Gefühl, nicht wirklich dahin zu gehören, wo wir gerade lebten. Meine Familie fühlte sich also nirgends tief verwurzelt.

LaborARTorium: Und das trifft auch auf Sie zu?

Brigitte Fritz: Ja, ich denke schon. Ich habe wohl auch gelernt, meine Wurzeln nicht zu tief zu schlagen.

LaborARTorium: Auch das Thema Altern scheint Sie zu beschäftigen.

Brigitte Fritz: Absolut, denn das Bild des Alterns hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt. Neben der früher eher negativen Sicht des Alters – Alter ist Verlust, Abbau, Krankheit und Verfall – hat sich eine durchaus positive Darstellung des Alters entwickelt. Alter ist jetzt ein Zugewinn an Freiheit, Entwicklungsmöglichkeiten, Kompetenz und Weisheit. Heutzutage wird gerne von den neuen, junggebliebenen und fitten Alten gesprochen.

LaborARTorium: Hat diese Sicht auf das Alter einen konkreten Einfluss auf Ihr Leben?

Brigitte Fritz: Wir Älteren müssen dem Alterungsprozess jetzt trotzen, ja, es ist fast unsere Pflicht, möglichst lange gesund, vital und jugendlich flott zu bleiben. Diese Haltung hat natürlich Schattenseiten: In unserer Gesellschaft hat sich eine Art „Kampf gegen das Altern“ etabliert, der zum Teil absurde Formen annimmt. Diesen Kampf verlieren wir ja letztlich alle. Der Wunsch, vital zu bleiben, wird fast zu einem Befehl: Bleibe jugendlich fit, wie alt du auch bist! Fitness ist die neue kulturelle Norm des Alters. Und so wird aus der Ermunterung zur Vitalität die Entmutigung der Gebrechlichen, die es unter uns alten Menschen ja nach wie vor auch gibt. Natürlich möchte ich mein Leben im Alter bei möglichst guter Gesundheit attraktiv, vielseitig und intensiv gestalten. Aber: Ich habe das Recht, alt und gebrechlich zu sein, wenn ich alt und gebrechlich bin.

LaborARTorium: Und auf der positiven Seite?

Brigitte Fritz: Ich glaube, ich genieße jetzt im Alter eine Art Narrenfreiheit! (lacht)

LaborARTorium: Zu guter Letzt und vielleicht als Tipp für andere SchwerterInnen: Welche Angebote haben Sie in der Stadt bisher angenommen, um Ihr Leben, wie Sie sagen, abwechslungsreich und lebenswert zu gestalten?

Brigitte Fritz: In den ersten Monaten besuchte ich verschiedene VHS-Kurse, um neue Leute kennenzulernen. Dies gelang mir recht schnell. Parallel zum knapp dreijährigen
Seniorenstudium an der Uni Dortmund engagierte ich mich im Freiwilligenzentrum „Die Börse“ hier in Schwerte. Anschließend nahm ich an der Ausbildung zur Seniortrainerin im Rahmen des Bundesmodellprojektes „Erfahrungswissen für Initiativen“ teil, die von der Stadt angeboten wurde. Nach Abschluss dieser Ausbildung begann ich mit der Durchführung verschiedener Projekte, die ich zum Teil bis heute mit viel Freude umsetzen kann wie z.B. das „Erste Schwerter Seniorentheater“ oder das „Philosophische Café“. Und ganz aktuell beteilige ich mich nun am Projekt „Stadtbesätzer“ im Grete-Meißner-Zentrum. Sie sehen also, dass es hier viele Möglichkeiten gibt, ein interessantes und aktives Leben im Ruhestand zu führen.
Ich genieße das Leben in meiner Wahl-Heimatstadt Schwerte.


Schirmherr für das Projekt:

Bürgermeister der Stadt Schwerte Dimitrios Axourgos


Gefördert durch:


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